Volunteer Building Cambodia - Interview mit Sinn Meang, dem Gründer des Projekts!


Ein Hausbauprojekt für bedürftige Familien in den ländlichen Gegenden Kambodschas hat uns nachhaltig begeistert. Wir sind mit einigen Volontären bereits hier gewesen und diese haben tatkräftig unterstützt - jedes Mal hat das bei allen einen echten Eindruck hinterlassen. Durch einfaches anpacken und machen werden nicht nur kurz- sondern langfristig die Voraussetzungen für ein besseres Leben geschaffen. Ein Prinzip, das ist so simpel wie beeindruckend ist. Damit ihr hierzu mehr erfahren könnt haben wir uns einmal mit Sinn unterhalten, der dieses Projekt seit 2014 leitet. Er hat uns erzählt, wie er zu diesem Projekt kam, warum es so wichtig ist und wie man sich als Volontär hier engagieren kann.


* PROJEKTHINTERGRUND *


Wann und warum hast du dir überlegt, dieses Projekt zu starten?

Ich komme ursprünglich aus dem Baugewerbe und war auch schon mal im Tourismus selbständig. Durch diese Tätigkeit bin ich auf Volontäre getroffen, die in Kambodscha geholfen haben Häuser zu bauen. Ich habe sie aus Interesse einen Tag lang begleitet, um mehr darüber rauszufinden. Dann habe ich selbst zunächst für eine begrenzte Zeit mitgearbeitet. Als dann die damalige Charity-Organisation beschlossen hat, dass das Projekt im besten Fall von einem Einheimischen weiter geführt werden sollte, habe ich unsere jetzige Non-Profit-Organisation gegründet, Volunteer Building Kambodscha. Ich selbst komme aus armen Verhältnissen und bin in einem kleinen Fischerdorf aufgewachsen – daher kenne ich die Probleme bedürftiger Familien und ich wollte einfach helfen. Eine bessere Behausung zu haben ist lebensnotwendig, das kannte ich schon von meiner Familie. Manchmal braucht man einfach nur eine Gelegenheit, die sich bietet.

Wann hast du die Organisation gegründet und was für eine Art Organisation ist es?

VBC gibt es seit März 2014 und wir sind eine lokal eingetragene NGO, das heißt Non-Government-Organization.

Wie hat sich das Projekt seit Beginn entwickelt und was habt ihr seitdem erreicht?

Als wir angefangen haben hatten wir nur drei Teilzeitkräfte – ein Konstrukteur, ein Volontärkoordinator und ich selbst. Wir haben Häuser aus Palmwedeln gebaut und das hat drei bis vier Wochen bis zur Fertigstellung gebraucht. Dann haben wir den Prozess weiter entwickelt und nur noch zwei Wochen benötigt, bis ein Haus gebaut war. Heute schaffen wir das bereits in einer Woche, manchmal sogar in drei Tagen. Alle Häuser werden mittlerweile aus Holz gebaut und haben ein Blechdach.

Im September 2018 haben wir unser 200. Haus gefeiert. Dies war ein Meilenstein für uns. Dieses Haus wurde bereits im ganz neuen Design erstellt – es hat sogar ein extra Fenster für eine verbesserte Durchlüftung und einen Betonboden als Fundament.

In den vier Jahren seitdem wir gestartet sind haben wir auch Land im Dorf kaufen können – 25 km von Siem Reap entfernt. Dort haben wir eine Lagerhalle errichtet, sodass wir die Möglichkeit haben Baumaterialien in größeren Mengen zu kaufen.

Darüber hinaus haben wir auch ein Gemeindezentrum hier errichtet. Ende 2016 haben wir in diesem eine Sprachschule für den Erwerb von Englischkenntnissen eingerichtet. Dort lernen mehr als 200 Schüler und mehr als 50% davon sind Mädchen bzw. Frauen. Das ist wichtig denn für Frauen in Kambodscha wird Bildung nicht als Priorität angesehen.

Das Gemeindezentrum hat darüber hinaus ein Büro, eine Bücherei, vier Klassenräume und einen Computerraum. Der Computerraum hat im August 2018 geöffnet und ist mit 24 Computern ausgestattet. Hier können wir wichtige Grundkenntnisse vermitteln.

Wie sucht ihr bedürftige Familien aus?

Das ist der schwierigste Part. Diese Aufgabe übernimmt unser Sozialarbeiter und das ist ein umfassender Prozess. Wir führen viele Interviews mit den Familien, deren Nachbarn sowie der Leitung des Dorfes und der Kommune. Wir müssen sicher gehen, dass die Familie einen dringenden Bedarf hat. Dazu brauchen die Familien eigenes Land und die Dokumente, die dessen Besitz belegen. Darüber hinaus muss das Land schuldenfrei sein. Da alle unsere Häuser aufgrund von Spenden finanziert werden können wir nicht riskieren, dass diese aufgrund von Schulden den Familien wieder weggenommen werden können.

Wer gehört zum Projektteam?

Seit den ersten Tagen sind wir glücklicherweise sehr gewachsen. Wir haben ein Team aus 16 Angestellten inklusive einem Verwaltungsangestellten und einer Teilzeitkraft, die sämtliche Kommunikation managen kann. Darüber hinaus haben wir drei Konstrukteure – einer davon managt darüber hinaus unser Warenlager zusammen mit zwei weiteren Angestellten. Im Gemeindezentrum arbeiten vier Lehrer und eine Büchereikraft. Für unsere Volontäre haben wir einen Koordinator, darüber hinaus einen Sozialarbeiter und eine Person, die sich um sämtliche Finanzen kümmern kann.

Warum sollte sich ein Volontär in eurem Projekt engagieren, warum ist es aus deiner Sicht so wichtig?

Eine angemessene Behausung ist ein menschliches Grundrecht. Viele der Familien, für die wir ein Haus bauen, leben zuvor in kleinen, unsoliden Behausungen die nur mit Palmblättern geschützt werden. Manche Unterkünfte werden direkt auf den Boden gebaut oder haben nur einen einfachen Holz- oder Bambusboden. Oft sind die Böden sind dreckig und die Wände haben Löcher. Der Schutz vor Regen fehlt. Manche Häuser haben sogar gar keine Wände. Sichere Häuser machen einen großen Unterschied. Die Lebensqualität und Gesundheit der Menschen wird verbessert und das Sicherheitsgefühl ebenso. Volontäre die uns helfen verändern das Leben der Kambodschaner grundlegend.

Was liebst du am meisten an deiner Heimat Kambodscha?

Ich liebe meine Heimat. Ich liebe die Kultur. Die Menschen respektieren einander. Selbst wenn die Leute hier arm sind, sind sie glücklich. Sie lachen immer.

Was liebst du am meisten an deiner Arbeit?

Ich helfe gern. Und ich liebe es, dass ich mit dieser Hilfe eine entscheidende Veränderung im Leben der Menschen herbeiführen kann. Ich treffe bei meiner Arbeit auch auf viele Menschen aus der ganzen Welt und tausche Erfahrungen mit diesen aus. Darüber hinaus macht es mich sehr glücklich, dass ich junge Kambodschaner ermutigen kann und ihnen helfen kann zu lernen und somit zu wachsen.

Welches sind die Momente, die dir am meisten im Gedächtnis geblieben sind - sowohl mit den Familien, die in ein neues Haus ziehen konnten als auch mit den Volontären?

Die einprägendste Geschichte ist im Januar 2018 passiert, als wir 11 Häuser in einer Woche gebaut haben. Normalerweise können wir drei Häuser in einer Woche bauen. Ein fantastischer Unterstützer unserer Projekte, Ulrich Nehammer, hatte beschlossen seinen 50. Geburtstag damit zu feiern, Gelder für das Hausbauprojekt zu sammeln und diese dann zu bauen. Er wollte erreichen 10 Häuser für bedürftige Menschen bauen zu können, zusammen mit 10 Toiletten und 10 Solaranlagen!

Wir hatten auch eine andere Gruppe während dieser Woche vor Ort, sodass wir insgesamt auf 11 Häuser gekommen sind. Es war sehr stressig und wir mussten viel vorab planen und organisieren. Das Team hat aber zusammen gearbeitet um dieses außergewöhnliche Ziel zu erreichen. Das bedeutet auch, dass wir innerhalb einer Woche 11 Familien helfen konnten, was absolut fantastisch ist.

Bekommst du oft Rückmeldung dazu, was mit den Familien passiert wenn sie in das neue Haus eingezogen sind? Was sagen sie dann, wie hat sich ihr Leben verändert?

Unsere Sozialarbeiter führen regelmäßige Wirkungsanalysen durch mit den Familien. Diese werden in den ersten 6 Monaten, nach 12 Monaten und nach 2 Jahren gemacht. Wir erhalten dann Feedback wie das neue Haus ihr Leben verändert hat und mit welchen Problemen sie immer noch zu tun haben.

Hauptsächlich fühlen sich die Menschen geschützter, gesünder und sicherer. Schutz vor eindringendem Regen und nicht mehr auf dreckigen Böden schlafen zu müssen fördert die Gesundheit und so sind die Eltern fähig zur Arbeit zu gehen und die Kinder zur Schule. Es wird weniger Geld für Medizin benötigt, sodass sich die finanzielle Situation verbessert. Die Menschen haben weniger Sorgen. Und sie fühlen sich geschützter, weil sie ihre Häuser abschließen können und ihr Hab und Gut so sicherer ist. Die Männer haben kein mulmiges Gefühl dabei, wenn sie zur Arbeit gehen. Sie wissen, dass das Haus einen guten Schutz bietet. In manchen Fällen bedeutet es, dass die Arbeit 10 Kilometer entfernt ist.


* FREIWILLIGENENGAGEMENT *


Wie sieht ein typischer Tag für einen Volontär aus?

Wir holen die Volontäre um 7:00 Uhr morgens aus ihrer Unterkunft ab. Dann fahren wir mit ihnen zum Projektstandort, welcher üblicherweise 30 Minuten von Siem Reap entfernt ist.

Den Morgen verbringen die Volontäre damit am Bauprojekt teilzunehmen. Sie helfen beim Sägen, Hämmern, Stemmen usw. Sie sind aktive Teilnehmer des Bauprojekts. Wir bringen die Volontäre dann zum Mittagessen zurück. Der Nachmittag und der Abend sind dann zur freien Verfügung.

Von Montag bis Donnerstag arbeiten wir zusammen am Haus. Am Freitag findet dann die Haussegnungs-Zeremonie statt, an der alle teilnehmen.

Braucht man als Volontär Vorerfahrungen für dieses Projekt?

Nein, das braucht man als Volontär nicht. Die meisten Volontäre haben noch nie einen Hammer oder eine Säge benutzt, wenn sie bei uns mitmachen. Unsere Konstrukteure werden die Teilnehmer in allen Phasen des Projekts anleiten, zeigen was zu tun ist und wie es zu tun ist. Auch unser Volontär-Koordinator ist oft dabei um zu helfen.

Wie kann man sich das Gasthaus vorstellen, in dem man als Volontär wohnt?

Das Gasthaus ist einfach aber sauber und freundlich. Falls Volontäre dennoch ein Upgrade wünschen können wir schauen, ob wir das möglich machen können.

Was gibt es zum Frühstück?

Die Volontäre frühstücken im Gasthaus bevor sie zum Projekt aufbrechen. Zubereitet wird ein westliches Frühstück.

Was kann man als Volontär in seiner freien Zeit vor Ort machen?

Siem Reap ist ein bekannter touristischer Ort, es gibt viele Möglichkeiten zum Entertainment oder für Aktivitäten. Siem Reap hat einige Restaurants aller Standards mit Essen aus aller Welt. Es gibt viele Bars und die Volontäre verbringen ihre Zeit oft zusammen in Pubs oder in Nachtclubs. Darüber hinaus gibt es aber für alle, die entspannen wollen ein Kino, Karaoke Bars, Nachtmärkte und vieles mehr.

Was für ein Typ Mensch sollte man sein, wenn man hier mitmachen möchte?

Zu uns kommen Menschen mit allen möglichen Hintergründen und aus allen Teilen der Welt. Um teil zu nehmen muss man mindestens 16 Jahre alt sein. Unser ältester Volontär war 70 Jahre alt. Bei uns machen Männer und Frauen mit aber interessanterweise sind fast 70% der Teilnehmer weiblich. Wir haben Schüler und Studenten dabei, Buchhalter, Juristen, Architekten, Konstrukteure, Farmer, IT-Fachkräfte, Verwaltungsangestellte und weiterführende Schulen – es gibt keinen typischen Volontär. Wir benötigen einfach Freiwillige, die wirklich den Wunsch haben anderen zu helfen und damit eine grundlegende Veränderung herbeiführen wollen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass man sich als Volontär vorstellen kann draußen in den ländlichen Gegenden zu arbeiten.

Wie kann ich mir die direkte Umgebung vor Ort in Kambodscha vorstellen?

Die ländliche Gegend in Siem Reap besteht hauptsächlich aus Reisfeldern. Das Land ist tief-liegend und flach. In der feuchten Saison (Juni – November) kann es sturzflugartigen Regen geben. Normalerweise passiert das spät am Tag aber in diesem Jahr hatten wir häufig Regen am Morgen. Das ist die Zeit im Jahr, wo der Reis gepflanzt wird und die ländliche Gegend wunderschön grün wird. Alles ist frisch. Das ist eine tolle Zeit im Jahr aber bedeutet natürlich mehr Bedenken im Hausbau. Der Boden ist matschig und rutschig, das Wetter kann feucht sein und es ist schwieriger im Regen zu arbeiten. In dieser Zeit befindet sich viel Wasser über das Land verteilt und die Menschen sind damit beschäftigt in den Feldern zu arbeiten. Alles ist irgendwie mehr lebendig.

In den ländlichen Gegenden sind Kühe und Wasserbüffel zu sehen. Viele Häuser sind im traditionellen Khmer-Style aus Holz gebaut. Im Süden von Siem Reap gibt es Tonle Sap, einen großen Fluss, der das zentrale Kambodscha dominiert. Dieser wird um ein fünffaches größer in der feuchten Saison und schwemmt so die Reisfelder.

In der trockenen Saison (Dezember – Mai) wird der Reis geerntet und dann wird das Land brauner. Dezember und Januar sind unsere kältesten Monate und großartig für das Hausbauprojekt geeignet. März und April sind die heißesten Monate inklusive einer hohen Luftfeuchtigkeit. Das kann für Volontäre herausfordernd sein.

Vielen Dank Sinn für die Beantwortung unserer Fragen! Wir freuen uns, dich mit unseren nächsten Volontären wieder zu treffen und ein weiteres Haus zu bauen!